Weiterentwicklung des Fußballs durch Querdenker und Regelbrecher

von Jürgen Pranger


Gepostet am 23.4.2021


Einer der am weitesten verbreiteten Wahrnehmungsfehler heißt „Social Proof“ und führt dazu, dass wir die Dinge so machen, wie wir sie immer schon gemacht haben, weil die anderen sie auch so machen. Gleichzeitig wollen wir uns aber weiterentwickeln. Laut Albert Einstein ist jedoch die Definition von Wahnsinn, immer wieder das Gleiche zu tun, um andere Ergebnisse zu erwarten. Demzufolge bedarf es Querdenker und Regelbrecher im Fußball, die neue Ideen einbringen und im Fußball etablieren. Ansonsten würde sich der Sport nicht weiterentwickeln.


Fußball ist insofern besonders konservativ, weil hier die Kräfte des „Social Proof“ oft noch stärker wirken als in anderen Lebensbereichen. Schließlich stehen die Akteure durch Fans und Medien unter großer sozialer Kontrolle. (Biermann, S.99) Trainer greifen deswegen oftmals auf die altbewährten Methoden zurück, um gravierende Fehler zu vermeiden und gehen somit auf Nummer sicher. Neuheiten, und seien sie noch so revolutionär, werden aus diesem Grund gar nicht, oder nur sehr zögerlich umgesetzt. Auch grundlegend falsche Annahmen oder Trainingsmethoden halten sich deswegen im Fußball lange.

So war es Fußballspielern früher verboten, während des Spiels zu trinken, weil das angeblich leistungsmindernd sei. Selbst bei größter Hitze untersagten viele Trainer das Trinken. Heute hingegen weiß man, dass Dehydrierung gesundheitsgefährdend ist. Außerdem kann durch den Wasserverlust die Leistungsfähigkeit der Spieler erheblich leiden. Deshalb gibt es jetzt an heißen Tagen extra Trinkpausen während des Spiels. (Biermann, S.99)

In den 1960er-Jahren galt der Torwart Petar Radenkovic als Freak und unseriös, weil er sich durch weite Ausflüge aus dem Tor am Spiel seiner Mannschaft beteiligte. Heute hingegen erwartet man von Torhütern, dass sie zum elften Feldspieler werden. (Biermann, S. 99)

Ein weiters Beispiel ist das taktische Konzept des Liberos. Fast alle Mannschaften verteidigten mannorientiert mit einem Libero als Absicherung. Dieses Konzept wurde lange nicht hinterfragt. Als der damalige deutsche Bundestrainer Berti Vogts die deutsche Nationalmannschaft erstmals „ballorientiert“ verteidigen lassen wollte, wurde dieses Vorhaben in fast allen Medien höhnisch kommentiert. Heute ist die ballorientierte Verteidigung ein völlig selbstverständliches Defensivkonzept.


Wir brauchen Regelbrecher und Querdenker


Der Fußball benötigt Trainer und Vereine, die nicht nur blind nachmachen, was alle anderen Vereine machen. Durch neue unkonventionelle Ideen wird der Sport weiterentwickelt und somit auf eine neue Entwicklungsstufe gehoben.

In den letzten Jahren haben zum Glück einige junge und innovative Trainer den Sprung in die europäischen Profiligen geschafft, die durch neue Inputs frischen Wind in den Fußball gebracht haben. Neue taktische Konzepte, Trainingsmethoden und Periodisierungsmodelle wurden entwickelt. Auch die Digitalisierung und Datenanalyse hat in den letzten Jahren endlich den Fußball flächendeckend erreicht. Durch die taktische und athletische Analyse des Spiels können noch ungeahnte Potentialreserven ausgeschöpft werden. Wir verstehen das Spiel dadurch immer besser. Wir wissen immer mehr über das athletische Anforderungsprofil der Spieler im Fußball und dessen Konsequenzen für das Training. Unzählige Daten können im Training und im Spiel durch Trackingsysteme erhoben werden. Kluge Köpfe können daraus neue Metriken und Algorithmen erstellen, um dadurch gewisse Vorgänge am Feld besser erklären zu können. Auch neue Jobs sind entstanden. Daten- und Videoanalysten werden immer gefragter und sind bei professionell arbeitenden Mannschaften nicht mehr wegzudenken.


Datenanalyse im athletischen Bereich bereits Standard


Die Erhebung von Daten ist für die athletische Weiterentwicklung der Spieler und für die Verletzungsprophylaxe in den meisten Profiklubs bereits Standard geworden. Trackingsysteme können unzählige Parameter erheben und auswerten. Analysten leiten aus diesen erhobenen Daten anschließend die daraus folgenden Konsequenzen für die Trainingsplanung ab. Sie können erkennen, welche Spieler überlastet und welche Spieler unterfordert sind und können dadurch das Training individuell anpassen. Somit kann jeder Spieler optimal belastet werden. Die Folge: eine bessere Athletik der Spieler und gleichzeitig weniger Verletzungen bzw. Überlastungen.


Auch im Amateurfußball möglich


Auch im Amateurbereich hält die Digitalisierung und Datenanalyse Einzug. Es werden nicht immer teure und aufwändige Trackingsysteme oder Datenanalysen zur Auswertung benötigt, um professionell arbeiten zu können. Durch die Erfahrungen der Profiklubs in den letzten Jahren wurden Programme entwickelt, die Amateurvereinen kostengünstig die Möglichkeit bieten, ihr Training zu optimieren. Subjektive Daten (z.B.: Wohlbefinden, subjektive Trainingsbelastung etc.) können durch eine Software von den Spielern erhoben werden. Die Software kann anschließend die Daten auswerten und dem Trainer entsprechende Empfehlungen für die Trainingsplanung liefern.

Ohne einen Datenanalysten oder Sportwissenschaftler im Trainerstab zu haben, kann dadurch die Trainingsqualität enorm gesteigert werden. Der Verein profitiert somit von den Erfahrungen der Experten und Profiklubs. Die Folge: Fittere Spieler und deutlich weniger Verletzungen, was wiederum einen enormen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Vereinen mit sich bringt.

Wenn du mit deinem Verein die Ambitionen hast, dich weiterzuentwickeln, dann ist es unerlässlich, in diesem Bereich den nächsten Schritt zu gehen und Daten für deinen Erfolg zu nutzen. Denn wenn du erfolgreich sein möchtest, dann reicht es nicht, das zu tun, was alle anderen machen, sondern du musst immer einen Schritt voraus sein.


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Literatur:

Biemann, C (2018). Matchplan. Die neue Fußball-Matrix. Kiepenheuer & Witsch